Hunger und Vertreibung für ein bisschen Agrosprit

17,2 Millionen Hektar Agrarland sind in Ländern der zweiten, dritten und vierten Welt an ausländische Investoren zum Anbau von – zumeist essbaren – Pflanzen für die Agrotreibstoffproduktion vergeben.

Palmölplantage in Kolumbien. Bild: Rudolf Rechsteiner (Swissaid).

Die Hauptantreiber dieser Entwicklung sitzen in Brüssel. Und es wird, so steht zu befürchten, noch viel schlimmer gekommen, wie die Entwicklungsorganisation Grain in einem Report feststellt. 666‘667 Hektaren für den Jatropa-Anbau in Kamerun, finanziert von der chinesischen Regierung; 169‘000 Hektar zum Palmölanbau durch die britische Equatorial Palm Oil in Liberia, 60'000 Hektar zum Palmölanbau in Kolumbien durch die spanische Grupo Poligrow, 700‘000 Hektar Jatropha in Guinea mit der italienischen Nuoe Iniziative Industriali SRL als Investorin: Das sind nur einige Beispiele aus einer langen Liste von Projekten, die alle dasselbe Ziel verfolgen: den Anbau von Pflanzen zur Herstellung von Agrotreibstoffen. 17‘2 Millionen Hektar Agrarland sind vornehmlich in Ländern der dritten Welt schon verkauf oder verpachtet – sehr oft ohne die ansässige Bevölkerung auch nur konsultiert zu haben. In Sierra Leone sind etwa mehrere tausend Kleinbauern vertrieben worden, damit die Schweizer Firma Addax Bioenergy eine riesige Zuckerrohr-Plantage von 10‘000 Hektar anlegen kann. Die Antreiber dieser Entwicklung sitzen in Europa, nicht nur in den Firmenzentralen, sondern auch in den politischen Entscheidungszentren der Europäischen Union. Die will nicht ablassen von ihrem Ziel, bis 2020 zehn Prozent der Treibstoffe aus erneuerbaren Quellen zu produzieren. Auch wenn neuerdings davon die Rede ist, die Hälfte dieser Treibstoffe aus für den menschlichen Verzehr nicht geeigneter Biomasse zu gewinnen, wird die EU einen beträchtlichen Teil der biologischen Rohstoffe importieren müssen. 21 Millionen Hektaren müssten dem Anbau von Energiepflanzen in Europa gewidmet werden, um das Ziel zu erreichen: das entspricht der nutzbaren Agrarfläche in Spanien und Italien. Doch auch mit der mit grossem Abstand fruchtbarsten Pflanze, der Ölpalme, wären noch rund sechs Millionen Hektar nötig. Die nun geplante, neue EU-Vorgabe, zur Hälfte nicht essbare Pflanzen zu verwenden, dürfte einer Energiepflanze zu neuen Höhenflügen verhelfen, die mangels befriedigender Ergebnisse schon beinahe in Vergessenheit geraten war: Jatropha. Auf rund neun Millionen Hektar waren im Dezember 2012 Jatropha-Plantagen geplant. Zur Befriedigung alleine der EU-Ziele wären rund 21 Millionen Hektar nötig – auf so genannt degradierten Flächen wahrscheinlich eher das Doppelte. Die Folgen dieser Politik sind Vertreibungen und Hunger, zumal die EU die Berücksichtigung der indirekten Landnutzungs-Effekte in den Nachhaltigkeitskriterien auf die lange Bank geschoben hat. Denn um die Agrotreibstoffe der so genannt dritten Generation, die aus Produktionsabfällen oder Algen gewonnen werden sollen, ist es sehr still geworden. Die Produktion von Ethanol aus Stroh etwa ist mangels Rentabilität fast zum Erliegen gekommen, und die technischen Hürden, um mit Algen auf einen grünen Zweig zu kommen, sind viel höher als gedacht.