Afrika in einem anderen Licht betrachtet

Vor über einem halben Jahrhundert brach in den Ländern südlich der Sahara die Ära der Unabhängigkeit an. Alleine 1960 entliessen die europäischen Kolonialherren überraschend  17 Ländern in die staatliche Unabhängigkeit. Bis auf die portugiesischen Besitzungen, die erst nach blutigen Kriegen frei wurden, erlangten in den nachfolgenden Jahren alle Länder die Souveränität. „Le Soleil des Indépendances“ nannte der ivorische Schriftsteller Amadou Kourouma seinen damals verfassten Roman, in dem er ein epochales Ereignis thematisiert, auf das die in die Unabhängigkeit Entlassenen allerdings denkbar schlecht vorbereitet waren.

Seither zeichnen vor allem die westlichen Medien ein vorwiegend düsteres Bild über die Entwicklungen in diesen Ländern. Anhaltende Konflikte, Kriege, ineffiziente Regierungen, Hungersnöte und eine sich zunehmend verschlechternde Wirtschaftslage stehen dabei im Vordergrund.  


Dass es um etliche Länder südlich der Sahara schlecht steht, lässt sich in der Tat nicht verleugnen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen von der Regel. Seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass die Wirtschaft in vielen afrikanischen Ländern stärker wächst als in Europa, wobei das afrikanische Ausgangsniveau natürlich viel tiefer liegt. Dass viele Länder Schwarzafrikas über ein grosses Wirtschaftspotenzial verfügen, ist keine neue Erkenntnis.  Das liegt unter anderem daran, dass die Mittelschicht kontinuierlich wächst und damit der Bedarf an günstigen Konsumgütern. „Wenn es gelingt, den hohen Anteil an Erwerbsfähigen auch mit Jobs zu versorgen, dann können auch die afrikanischen Länder eine sehr gute Entwicklung einschlagen“, glaubt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und Mitautor einer Untersuchung über das afrikanische Wirtschaftswachstum.

Wird Afrika, das der Schriftsteller Joseph Conrad vor über einem Jahrhundert  „Herz der Finsternis“ nannte, neuerdings differenzierter betrachtet und dabei auch auf seine positiven Seiten hin untersucht?  Man könnte es meinen, wirft man einen Blick auf die entsprechenden Buchpublikationen des vergangenen Jahres.  Den Auftakt gibt der Belgier David Van Reybrouck mit seinem Riesenwerk „Kongo. Eine Geschichte“. Helmut Danner beschäftigt sich mit der verzerrten Wahrnehmung Afrikas durch den Westen und umgekehrt und fordert in seinem Werk „Das Ende der Arroganz“ beide Seiten auf, sich endlich differenziert und ehrlich miteinander zu beschäftigen. Der deutsche Journalist Marc Engelhardt  wirft als ehemaliger Afrikakorrespondent ein Schlaglicht auf den Somalia, das sich nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs gegenwärtig stabilisiert und seinen Weg in die Zukunft sucht.

Der Kongo im Wandel der Zeit

Wie der Diktator und Staatspräsident Mobutu  auf den neuen Staatsnamen Zaire kam, ist kein Geheimnis mehr. Portugiesische Navigatoren hatten auf einer kartographischen Skizze den Begriff „nzere“ (in der einheimischen Sprache Lingala für „Fluss“) orthographisch falsch wiedergegeben. Daraus wurde Zaire, denn das klang afrikanischer als der Begriff Kongo, der die Bewohner an die belgischen Kolonialherren erinnerte, die 1960 ihre Flagge eingezogen hatten. 
Denn der Kongo, flächenmässig fast so gross wie Westeuropa, war ursprünglich Privatbesitz des belgischen Königs Léopold II. Der Monarch hatte grosse Teile seines Vermögens in den Aufbau einer Infrastruktur zur Ausbeutung von Bodenschätzen investiert. Mit geringem Erfolg. Als er kurz vor der Pleite stand, übernahm  der belgische Staat 1908 das Gebiet. Elfenbein, Diamanten und Gold spielten zunächst seine wichtige Rolle, später kamen Kautschuk, Eisenerz, Kupfer und Uran hinzu.

David Van Reybrouck, dessen Vater selbst im Kongo gearbeitet hat, ist bislang als Archäologe, Schriftsteller und Dramatiker in Erscheinung getreten. Seine Qualitäten als Historiker und Journalist stellt er im vorliegenden Werk unter Beweis. Van Reybrouck schildert über eine Zeitspanne von einem Jahrhundert  auf packende Weise das  wechselhafte Schicksal, das zu den exemplarischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zählt.  Dazu hat er in verschiedenen  Archiven recherchiert. Wirklich spannend wird seine Darstellung dadurch, dass er die Geschichte anhand von Gesprächen mit Zeitzeugen erzählt. Ob einer seiner Gesprächspartner wirklich deutlich über 100 Jahre alt ist, lässt sich zwar nicht beweisen. Dessen Schilderungen jedoch decken sich mit entsprechenden Aufzeichnungen in den Archiven, zu denen der des Lesens und Schreibens nicht kundige Mann nie Zugang hatte.

Ein Blick fast wie in eine europäische Stadt und doch ist Afrika ganz anders. Kinshasa, fotografiert von Thomas Veser.

Nach der Kolonialtragödie beginnt für das unabhängig gewordene Land das nächste Drama. Der charismatische Ministerpräsident Patrice Lumumba verdirbt sich mit seinem schroffen Auftreten sämtliche Sympathien und wird schliesslich auf Geheiss der USA umgebracht. Daran beteiligt ist auch der damals kaum bekannte Joseph-Désiré Mobutu, der 1965 die Regierung stürzt , sich 32 Jahre an der Macht halten kann  und als Kleptokrat avant la lettre Milliardenvermögen zusammenrafft. Mobutu, die Verkörperung des „Papa national“ kauft seine Gegner oder lässt sie nötigenfalls beseitigen. Während des Kalten Krieges steht er verlässlich auf westlicher Seite und selbst als die USA ihn in den 1990er Jahren fallen lässt, kann sich der Despot mit der Leopardenfellmütze und dem Häuptlingsstab aus Ebenholz halten. An Krebs erkrankt, stirbt er 1997 in einem französischen Spital.

Es geht immer um Rohstoffe

Ihm folgt der Warlord Kabila, nach dessen Ermordung erbt sein bislang politisch reichlich konturlos gebliebener Sohn Joseph 2001 das Präsidentenamt. Die Stagnation hält an, Rebellenkriege in den östlichen Landesteilen bringen unermessliches Leid über die Bewohner. Die Strippenzieher sind Nachbarländer Ruanda und Uganda – und auch hier geht es wieder um die begehrten Rohstoffe des Landes. An ihnen zeigt sich China seit einigen Jahren ebenfalls brennend interessiert, als Gegenleistung für Schürflizenzen gibt es immerhin neue Strassen, Schulen und Spitäler. 

Van Reybrouck beschäftigt sich auch ausführlich mit den kaum bekannten Religionen, wie dem charismatischen Kimbanguismus oder dem Konkurrenzkampf der Bierbrauereien, bei denen Popmusiker eine tragende Rolle spielen. Am Ende beschreibt er einen Aufenthalt im chinesischen Guangzhou (Kanton), in dem 100 Millionen Menschen leben, die doppelte Einwohnerzahl der Demokratischen Republik Kongo. Auch dort gibt es eine zunehmende Zahl von Kongolesen, die fern ihrer Heimat eine neue Existenz aufgebaut haben. „Die Kongolesen betrachten die Chinesen mit einer Mischung aus Bewunderung und  Argwohn“, stellt Van Reybrouk fest. Chinesen verhalten sich demnach überwiegend steif, reserviert und verschlossen. Wer für sie arbeite, verhalte sich tendenziell unterwürfig und reisse hinter ihrem Rücken Witze über sie. Analogien zum Verhältnis zu den europäischen Ausländern im 19. Jahrhundert seien unübersehbar. Dass die neue Partnerschaft Chancen eröffnet, streitet der Autor zwar nicht ab. Fazit seiner Darstellung, in der der Verfasser mit Schuldzuweisungen und Opfermythen sehr vorsichtig umgeht: Solange in der Heimat so viel im Argen liege, wird sich die Lage der Kongolesen nicht verändern.

David Van Reybrouck. Kongo. Eine Geschichte.  Suhrkamp, 2012. 783 Seiten. 29,95 Euro

Überheblichkeit und Misstrauen überwinden

Dass Mentalitätsunterschiede und Weltsichten von Afrikanern und Europäern  oftmals so weit auseinander liegen, dass sie das gegenseitige Verstehen fast unmöglich machen, ist gewiss keine neue Erkenntnis. Helmut Danner, in Nairobi lebender Pädagoge und Philosoph, der lange in der Erwachsenenbildung und für Stiftungen tätig war, zeigt jedoch in seinem Werk, das er selbst als interkulturellen Essay bezeichnet, auf sehr anschauliche Weise konkrete Unterschiede in der jeweiligen Einstellung zu Gemeinschaft, Arbeit, Politik und Staat und versucht sie aus dem jeweiligen Kontext heraus zu erklären. Dieses Verständnis sei auch heute noch schwach ausgeprägt und deswegen „schauen Europäer häufig immer noch auf Afrikaner herunter und weisen diese zurecht. Afrikaner reagieren darauf entweder mit Unterwürfigkeit oder rebellieren gegen den Westen“, stellt Danner fest. Während Überheblichkeit die westliche Position prägt, reagieren die Afrikaner Europa gegenüber mit Misstrauen. Wirft der Westen Afrika vor allem Korruption, Vetternwirtschaft und Nachlässigkeit vor, kontert Afrika demnach mit der Unterstellung, die Europäer betrieben nichts anderes als Neoliberalismus und setzten damit die Kolonisation fort. „Diese Haltungen gehen quer durch alle Schichten im Westen und in Afrika. Sie schliessen auch Regierungen und Entwicklungsorganisationen mit ein.“

Diese Arroganz gegenüber den „anderen“, deren Ende Helmut Danner vehement einklagt, beruhe auf Gegenseitigkeit. Sie sei Ausdruck mangelnden Respekts und der fehlenden Bereitschaft,  sich auf den anderen einzulassen und seine Einstellung zu verstehen. Nur wer diesen Schritt bewältige, werde erkennen, dass die Gesellschaftsstruktur der anderen ebenso komplex sei wie die eigene. Auch Afrika funktioniere, eben nur auf andere Weise, als das der Westen erwarte, lautet sein Fazit.

Zudem könne man immer mehr Gemeinsamkeiten beobachten:  Afrika entwickle sich unumkehrbar in Richtung des westlichen Modells, auch dort symbolisiere die Stadt die Zukunft. Danner spart keine Seite mit Kritik aus. Während er den Westen auffordert, von seinem hohen Ross herabzusteigen,  erinnert er die Afrikaner, dass es an der Zeit sei, sich zuerst einmal selbst zu respektieren, bevor sie den Respekt anderer erwarten können.  Nur so könne sich das gestörte Verhältnis künftig in Richtung Normalisierung entwickeln.

Helmut Danner. Das Ende der Arroganz. Afrika und der Westen – ihre Unterschiede verstehen. Brandes & Apsel  2012. 254 Seiten, 24,90 EUR.

Licht am Ende des Tunnels?

Wüsten, Warlords und Wirren, die nicht zu Ende gehen wollen: Somalia, das 1960 aus dem Zusammenschluss einer britischen und italienischen Kolonie als unabhängiger Staat entstand, gilt ethnisch als eines der homogensten Länder Afrikas. Permanente Konflikte zwischen rivalisierenden Stammesclans haben jedoch inzwischen den Niedergang des Landes im äussersten Osten Afrikas besiegelt – Somalia gilt heute als Prototyp eines gescheiterten Staates. Vor zwei Jahrzehnten unternahmen UN-Truppen unter US-Führung einen letzten erfolglosen Versuch, das Land durch eine Militärintervention davor zu bewahren, vollends in Chaos und Gewalt zu versinken.

Hat sich in den letzten Jahren vor allem einen Namen als Piratenhort gemacht. Somalia. Auf dem Bild ist die Verhaftung einiger Piraten zu sehen. Bild: Thomas Veser.

 Marc Engelhardt hat Somalia regelmässig besucht und seine Reportagen in 21 Kapitel eingeteilt. Der Kontakt zu den Menschen dieses Landes, das in den letzten Jahren durch Piraterie auf sich aufmerksam gemacht hat, lag Engelhardt besonders am Herzen. Mit bisweilen verblüffenden Erkenntnissen: Obgleich Somalia über ein Meer mit gewaltigem Fischreichtum verfügt, betrachten die Somalier ihre Heimat als Wüstenstaat, in dem das Kamel alles gilt. Die komplizierte Clanstruktur hat sich inzwischen als entscheidender Faktor erwiesen, der jegliche Einmischung von aussen zum Scheitern verurteilt. Westliche Konzerne kann das nicht davon abhalten, in dem Wüstenstaat kräftig zu verdienen. So beschreibt Engelhardt, wie sie in Öl- und Waffen- und Versicherungsgeschäfte verwickelt sind und an Bürgerkrieg und Piraterie ordentlich verdienen.

Dennoch schliesst er seine Ausführungen mit einem optimistischen Ausblick, auch wenn nicht ganz auszuschliessen ist, dass die gegenwärtige Stabilisierung  und sich abzeichnende Neuwahlen vielleicht nur dem Zufall zu verdanken sind.

Marc Engelhardt. Somalia. Piraten, Warlords, Islamisten. Brandes&Apsel 2012. 240 S, 24,90 Euro.