Afrika: Grosses Potential und Gefahren

Ist Afrika das wirtschaftliche Eldorado der Zukunft? Die englischsprachige Wirtschaftspresse ist davon überzeugt. Doch so hoffnungsvoll manche Perspektiven, der Weg scheint noch weit. Eine afrikanische Bestandesaufnahme.

Bäuerinnen in Benin. Bild: Thomas Veser.

 

„Die einen versprechen sich das Blaue vom Himmel, die andern haben schlicht Angst“. Die Expertise des Ökonomen Paul Collier, Direktor des Zentrums für afrikanische Wirtschaft an der Universität Oxford, ist gefragt am Weltwirtschaftsforum, denn so gross das Interesse potenzieller Investoren an Afrika, so gross sind Verunsicherung - und Unwissen. Collier hat 2007 mit seinem Buch „Die Milliarde ganz unten“, in dem er die Gruppe der acht wichtigsten Industriestaaten auffordert, endlich zu handeln, um den ärmsten Ländern aus dem Teufelskreis von Korruption, schlechter Regierungsführung, Bürgerkrieg und Plünderung von Rohstoffen herauszuhelfen, auch den britischen Premier James Cameron stark beeinflusst, der am Weltwirtschaftsforum als G8-Vorsitzender entsprechende Massnahmen ankündigte.

Collier hat kein Patentrezept für die Investoren. Er könne einzig dazu raten, nicht nur in ein afrikanisches Land zu investieren. „48 Staaten wurden 2011 als gescheitert gelistet. Mali war nicht dabei. Niemand rechnete mit einer solch katastrophalen Entwicklung“.Von den euphorischen Berichten, die Afrika ein goldenes Jahrzehnt, ja gar eine mit China vergleichbare ökonomische Entwicklung vorhersagen, hält er wenig. „Das mag vielleicht für einige Staaten gelten, deren Wirtschaft sich in zehn Jahren durchaus verdoppeln könnte. Aber verallgemeinern lässt sich nichts“. Für Ashish Thakkar haben die goldenen Jahre begonnen. Als Unternehmer hat er es mit 31 Jahren zu seiner Firmengruppe Mara gebracht, mit Aktivitäten in 16 afrikanischen Ländern vom Computerhandel über den landwirtschaftlichen Grossbetrieb bis zum Tourismusresort mit einem Umsatz von 100 Millionen US-Dollar: eine phänomenale Karriere eines unternehmerischen Wunderkindes. Seinen Mischkonzern steuert er aus logistischen Gründen von Dubai aus, aber sein Herz, das schlage afrikanisch. „Ich bin durch und durch Afrikaner. Und ich glaube an das grosse Potenzial dieses Kontinents“. Afrika habe riesige Bodenschätze, Afrika sei grösser als Nordamerika und Europa zusammen, und Afrika zähle eine Milliarde Menschen, eine vorwiegend jugendliche, motivierte und weltoffene Bevölkerung.

Der 31-jährige argumentiert mit soviel Feuer, dass man ihm gerne glauben mag. Mit der von ihm gegründeten Mara - Stiftung möchte Thakkar die Fackel weitergeben und bei Unternehmensgründungen helfen – auch mit Kapital. 107‘000 vorwiegend junge Leute nehmen inzwischen an den Programmen im Internet teil, in mehreren afrikanischen Staaten ist Thakkar gerade dabei, Ausbildungszentren zu eröffnen. Es gehe oft um einfache Dinge, rechtliche Fragen oder schlicht der Rat, aus der Schattenwirtschaft herauszutreten und auch Steuern zu zahlen. „Denn wie soll ein Staat funktionieren, der kein Geld hat?“ Eine 17-jährige hatte an ihrer Schule damit begonnen, selbst genährte Schuluniformen zu verkaufen, erzählt Thakkar. 60 Dollar habe sie damit verdient, ein Drittel des Geldes, das ihre Eltern mit einem kleinen Bauernhof erwirtschafteten. Er riet der jungen Frau, die Stoffe im Grosshandel zu beziehen und eine Gratislieferung auszuhandeln, um ihre Kosten zu reduzieren. Nach nur sechs Monaten habe die junge Frau fünf Mitschülerinnen beschäftigt, das monatliche Einkommen hatte sich verzehnfacht. „Afrika ist anders geworden“, sagt Kamdeh Yumbella, Generaldirektor der UN-Organisation für industrielle Entwicklung in Wien. „Meine Generationen war noch von Selbstzweifeln erfüllt“, sagt der 54-jährige aus Sierra Leone, „wir trauten uns kaum etwas zu. Jetzt kommen die Jungen und fragen ganz selbstbewusst: Warum nicht wir?“ Es sei dieses neue Selbstbewusstsein, das ihn optimistisch stimme. Doch es brauche dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen. Und diese Liste der Hausaufgaben ist noch sehr lang. Es seien zwei Probleme, mit denen die meisten afrikanischen Ländern zu kämpfen hätten: die Folgen der raschen Urbanisierung und die Entwicklung des ländlichen Raums. Beides sei von allerhöchster Dringlichkeit. „Afrika ist ein junger Kontinent. Hunderte Millionen treten in den kommenden Jahren ins Erwerbsleben. Heute gibt es kaum Jobs für sie. Und Afrika, das heute Lebensmittel importiert, obwohl es das Potenzial zum grossen Exporteur hätte, muss endlich den Agrarsektor entwickeln, um aus dem Teufelskreis der chronischen Ernährungskrisen herauszukommen“. Yumbella sieht vor allem in den Küstenregionen grosses Potenzial für den Aufbau von arbeitsintensiven Industrien, etwa zur Verarbeitung der vielen Rohstoffe Afrikas oder im Textilsektor. Und er möchte neben den Kleinbauern auch die mittleren Betriebe fördern. „Sie sind die besten Innovatoren in der Landwirtschaft. Sie schaffen die neuen Märkte, von denen auch die kleinen Betriebe profitieren werden“. Doch die Zeit, sie dränge. Tatsächlich muss man sich fragen, wie auf einem Kontinent, dessen Wirtschaft zwar in den vergangenen Jahren mit erstaunlicher Konstanz um fünf Prozent herum pro Jahr gewachsen ist – mit grossen regionalen Unterschieden -, es gelingen soll, ein wirtschaftliches Feuer zu entfachen, das die längst chronisch gewordene Massenarmut oder die endemische Unterernährung nachhaltig beseitigen könnte. Es wäre ein Wirtschaftswunder von chinesischem Ausmass.

Vielleicht braucht es dazu auch selbstbewusste Politiker wie den Präsidenten von Ruanda, Paul Kagame, der am WEF sagte: „Die Geschichte Afrikas ist von anderen geschrieben worden. Jetzt ist es Zeit, dass wir unsere Probleme selber lösen und unsere eigene Geschichte schreiben“. Die grenzt in Ruanda an ein kleines Wirtschaftswunder. Das mausarme, sehr dicht bevölkerte Land, in dem 1994 über 800‘000 Tutsis und moderate Hutus ermordet worden waren, ist in den vergangenen Jahren konstant um 8 Prozent gewachsen. In einem halben Jahrzehnt gelang es, eine Million Menschen aus der Armutsfalle zu befreien. Heute lebt noch knapp die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. „Das ist sehr beeindruckend, zumal Ruanda über keine eigenen Rohstoffe verfügt“, sagt Paul Collier. „So müsste es überall sein in Afrika. Aber die Realität ist eine andere. Ruanda bleibt vorerst die Ausnahme“.