Länder im Shopping-Center

Lebensmittel- und Energiekrisen lösen einen Landhunger der anderen Art aus: Staaten kaufen riesige Ländereien in der dritten Welt auf.

100'000 Hektar in Brasilien (Soja für den japanischen Mitsuikonzern), 25'000 Hektar in Angola (Reis für Grossbritannien), 40'000 Hektar in Kenya (Früchte für Qatar), 690'000 Hektar im Sudan (Weizen für Südkorea), 2,8 Millionen Hektar in der Demokratischen Republik Kongo (Palmöl für China): Land in der dritten Welt, vornehmlich in Afrika und Asien, wird zunehmend attraktiv für Investoren aus Industrie- und Schwellenländern, heisst es in einem Bericht des Internatioinalen Forschungsinstitutes für Ernährungspolitik in Washington (IFPRI). Vor dem Hintergrund der explodierenden Lebensmittelpreise haben  in den vergangenen Jahren rund um den Erdball staatliche und private Geldgeber riesige Flächen erworben, um gewappnet zu sein für künftige Ernährungs- und Energiekrisen. An vorderster Front operieren die existenziell auf Lebensmittelimporte angewiesenen Golfstaaten, aber auch die rohstoffarmen China und Südkorea sind sehr engagiert. Der neuerdings vor allem staatlich angetriebene transnationale Landhunger lässt die Agrarlandpreise nicht unbeeinflusst. Sie stiegen etwa alleine im Jahr 2007 in Brasilien um 16 Prozent. Das Ausmass, aber auch das Tempo dieser Akquisitionen hat in einigen Staaten für Aufruhr gesorgt. So gab es in Mocambique heftige Proteste gegen die geplante Ansiedlung von chinesischen Landarbeitern, und in Madagascar trugen gar der Landhandel zwischen der Regierung und dem südkoreanischen Daewoo-Konzern, bei dem 1,3 Millionen Hektar Agrarflächen für die Mais- und Palmölproduktion hätten verkauft werden sollen, massgeblich zum Machtwechsel im vergangenen März bei. Die Autoren der Studie weisen indes auch darauf hin, dass Investitionen im Agrarsektor der dritten Welt an sich dringend erwünscht werden. Doch die meisten der Landverkäufe verliefen intransparent und schürten Misstrauen. Zudem seien vor allem in Afrika die Landtitel nicht geschützt. Die Gefahr sei gross, dass es über die Köpfe der Landnutzer hinweg zu Handwechseln komme. Die IFPRi fordert deshalb, zusammen mit anderen Organisationen, einen Code of Conduct für solche Geschäfte. So müssten die Landnutzer in die Verkaufsverhandlungen involviert sein und bestehende kommunale Nutzungsrechte seien zu respektieren. Auch müssten lokale Gemeinschaften an den Profiten beteiligt werden. Und schliesslich dürfe die nationale Ernährungsbasis durch solche Investitionen nicht geschmälert werden. Die Tatsache, dass die meisten Landkäufe derzeit im bürgerkriegsversehrten Sudan, im dem Anarchie und Chaos herrschen, getätigt werden, lässt indes wenig Gutes für die Zukunft erwarten.