Kein Palmöl ist das beste Palmöl

In der Schweiz wird über einen EFTA-Freihandelsabkommen mit Indonesien abgestimmt, das die Wirtschaftsbeziehungen verbessern soll. Ein integraler Bestandteil dieses Vertrages sind die Umweltstandards und Sozialstandards, die erfüllt werden müssen, damit Palmöl aus Indonesien importiert werden kann. Es ist der erste internationale Wirtschaftsvertrag, der diese Ziele in die allgemeinen Bestimmungen aufnimmt. Ein Schritt in die richtige Richtung?

 

Ja sagen zum Beispiel der WWF oder das Hilfswerk Swissaid. Nein sagt die Organisation Pro Natura. „Es ist bei weitem kein perfektes Abkommen“, erklärte Swissaid-Geschäftsleiter Markus Allemann. „Aber es ist das erste Mal, dass ein Freihandelsabkommen gebunden ist an starke Regeln der Nachhaltigkeit.“ Doch an der Frage, ob deren Einhaltung auch kontrolliert werden kann, scheiden sich die Geister. Um es vorweg zu nehmen. Quantitativ entscheidend ist das Abkommen nicht. Von den 24'000 Tonnen Palmöl, die die Schweiz 2019 importiert hat, kamen nur 0.1 Prozent aus Indonesien. Ausserdem werden die Zölle auf Palmöl nicht vollständig abgebaut, sondern um 20 bis 40 Prozent reduziert. Eine Reduktion gibt es zudem nur auf nachhaltig produziertes Öl, das entsprechend zertifiziert sein muss sein. Doch gerade die Zertifizierung oder und die Einhaltung der neuen Standards sind Fragen, um die jetzt die Diskussion entstanden ist. Einig sind sich alle darüber, dass die Ziele wünschenswert wären. Uneinig ist man sich darüber, ob Indonesien der richtige Partner ist. Deshalb lohnt sich ein Blick auf das Land. Es ist kaum zehn Jahre her, dass Indonesien hinter den USA und noch vor China der zweitgrösste CO2-Emitent weltweit war. Wochenlang sahen die Einwohner des Stadtstaates Singapur den Himmel nicht mehr, weil im benachbarten Sumatra die Wälder brannten. Es herrschte Maskenpflicht weil die Urwälder Indonesiens brannten. Sie brannten bewusst, nicht als Folge von Gewittern. Laut einer WWF-Studie verlor Indonesien seit 1990 30 Millionen Hektar Wald durch Abholzung und Brand. Dies entspricht der zehnfachen Grösse der Schweiz. Doch diese Zahlen sind wahrscheinlich viel zu tief. Laut einer Prognose des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen werden bis zum Jahr 2022 98 Prozent der Wälder Indonesiens degradiert oder verschwunden sein. Es entwickelte sich ein doppeltes, ja sogar ein dreifaches Geschäft. Doch zuerst folgende Klammerbemerkung: In Indonesien leben über 350 Völker und es gibt im 220 Millionen Einwohner Staat 250 Sprachen und Kulturen. Viele Völker und Gruppen lebten zurückgezogen in funktionierenden Gemeinschaften im Regenwald. Heute ist Indonesien der grösste Palmölproduzent der Welt. Ölpalmen werden heute auf über 15 Millionen Hektar angebaut. Das entspricht fast der fünffachen Fläche der Schweiz. Dabei wird der Lebensraum von Elefanten und Tigern gefährdet. Sumatra ist der wichtigste Lebensraum der Orang Utans. Orang Utan heisst Waldmenschen in der malaiischen Sprachen. Diesen Waldmenschen wurde der Lebensraum unter den Füssen zerstört und oft irren sie – vom Hunger getrieben – in die Dörfer der anderen Menschen unserer Zivilisation, denen aber oft auch das Land weggenommen wurde und am Rande des Hungers leben, und bestehlen sie. In Sumatra sind heftige Landkonflikte wegen der Umwandlung von Regenwald oder Siedlungsland in Palmölplantagen entstanden. Wilmar, der weltgrösste Palmölkonzern, ist in Indonesien ansässig. Unter anderem beliefert er Unilever, Nestlé und Procter & Gamble.


Erfolgloser Roundtable?


Doch zurück zum dreifachen Geschäft. Bei der Zerstörung des Urwaldes wird ein erstes Mal Kasse gemacht, weil das Holz der Möbel- oder Papierindustrie verkauft werden kann.

Holzschlag im Urwald von Kamerun. Abholzen, ein erstes Mal ein schönes Geschäft.  

Gestrüpp und unattraktive Bäume werden anschliessend verbrannt. Der meist torfige Boden liegt dann jahrelang brach und gibt Unmengen von C02 ab, das wiederum das Weltklima belastet. Diesen Verlust muss der Eigentümer nicht auf seien Kappe nehmen, die Menschheit trägt ihn. Nach einigen Jahren gilt das Land als verödet. Man darf es natürlich nicht sofort nach dem Brand aufforsten, denn dann wäre der Zusammenhang zwischen Zerstörung des Urwaldes und Palmöl zu offensichtlich. Doch die Geduld zahlt sich aus. Nach mindestens fünf Jahren darf es mit Palmen zur Ölgewinnung bepflanzt werden und man wird dafür mit CO2-Zertifikaten belohnt, weil ja mit der Aufforstung etwas gegen den Klimawandel unternommen wird. Dies ist das zweite Geschäft und das Dritte ist der Verkauf des Öles selbst. Die Liste von Vertreibungen, Übergriffen gegen die einheimische Bevölkerung und der illegalen Zerstörung des Urwaldes ist endlos. Um den Wildwucher etwas unter Kontrolle zu bringen initiierten der WWF und Umweltorganisationen mit den Unternehmern zusammen den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO). Greenpeace zweifelte von Anfang an der Ehrlichkeit der beteiligten Unternehmen. Deshalb untersuchte die Organisation eine der ersten zertifizierten Lieferungen. Es handelte sich um 500 Tonnen Öl, das vom Produzenten „United Plantations“ stammte, der sich die Nachhaltigkeit zertifizieren liess. Laut damaliger Greenpeace-Recherche zerstörte die zertifizierte Firma gleichzeitig Urwälder und verstiess massiv gegen die Kriterien des Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl. Dies brachte den Runden Tisch von Anfang an in Misskredit und die Situation wurde bis zur Verschärfung der Kriterien 2018 nicht besser. Doch auch seither reiht sich Skandal an Skandal. Nach neuen Waldbrandstatistiken gehört Indonesien inzwischen nicht mehr zu den grossen Brandherden der Welt. Neue Länder sind an dessen Stelle getreten. Satellitenbilder einer Juniwoche 2019 zeigen folgendes Bild: In Angola wurden rund 135‘100 Brandherde entdeckt, gefolgt vom Kongo (110‘200), Brasilien (91‘500), Sambia (72‘900) und Bolivien (41‘800), Russland (41‘600), Mosambik (39‘700), Tansania (24‘300) und Australien (22‘600) sowie Indonesien (18‘600). Man darf bei dieser Liste nicht vergessen, dass es eine Momentaufnahme ist und dass die beste Brandsaison jeweils in verschiedenen Jahreszeiten lieg. Trotzdem zeigt die Statistik: In die Fussstapfen Indonesiens sind anderen Länder getreten. Angola, Kongo, Sambia und Bolivien sind hier eher überraschend zu finden, während man sich bei Brasilien über gar nichts wundert. Aber in Indonesien, dem Vorreiter der Urwald-für-Palmöl-Zerstörung ist bereits viel Land mit Palmöl bedeckt worden. Es ist nicht mehr soviel abzubrennen. Nun wartet eine weitere Belohnung auf den Archipelstaat. Die Möglichkeit, diese ganzen Verheerungen weiss zu waschen und damit endgültig die ideale Matrix für alle anderen Staaten zu liefern, wie man Zerstörung und Vertreibung ein Mäntelchen der Nachhaltigkeit umlegen kann. Mag sein, dass bei der Annahme des Wirtschaftsabkommens ein erster Schritt in die richtige Richtung getan wird. Es bleibt aber ein bitterer Nachgeschmack und es ist bei weitem nicht sicher, ob beim nächsten Schritt nicht der erste Fuss im tropischen Sumpf stecken bleibt. Denn das beste Palmöl ist jenes, das gar nicht konsumiert wird.